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Vernichtungskrieg

 

Stichwort: Wehrmachtsausstellung

Das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) konzipierte zu Beginn der 1990er Jahre eine Reihe von Projekten, die sich mit Gewalt im zwanzigsten Jahrhundert befassen sollten. Dazu gehörte auch eine Ausstellung über das "Unternehmen Barbarossa", den deutschen Rußlandfeldzug, die unter dem Titel "Vernichtungskrieg" ab 1995 in vielen deutschen Städten gezeigt wurde.

Unter Ausblendung sämtlicher politischer oder militärischer Hintergründe, die zu dem deutschen Angriff auf Rußland geführt hatten, versuchte die von Hannes Heer zusammengestellte Präsentation sowohl den Angriff selbst als auch sämtliche Soldaten, die an ihm teilgenommen hatten, in die Nähe von Verbrechen zu rücken. Der Leiter des HIS, Jan Philipp Reemtsma beschrieb dies öffentlich so:

"Zu zeigen, ... wie weit verbreitet die freudige und freiwillige Beteiligung am Massenmord (war) ... ist diese Ausstellung da. Sie behauptet nicht, daß jeder Wehrmachtsangehörige jene Grenze überschritten habe, die die Haager Landkriegsordnung zog, oder sich in jener Grenzenlosigkeit wohlgefühlt (!) hat, die das Konzept des totalen Krieges eröffnete."

Wiederholte Äußerungen in diese Richtung ließen keinen Zweifel daran, daß es den Ausstellern darum ging, fast jeden Wehrmachtsangehörigen als freudigen und freiwilligen Massenmörder darzustellen. Angesichts dieses wirklichkeitsfremden Leitmotivs schlichen sich in die Ausstellung wohl unvermeidlich zahlreiche Fehler, Rückgriffe auf sowjetische Propaganda aus Kriegszeiten und andere unzutreffende Behauptungen ein, so daß sie angesichts der wachsenden Kritik 1999 geschlossen werden mußte. Eine Neukonzeption der Ausstellung, die seit 2001 in vielen deutschen Städten gezeigt wurde, erneuerte diese Behauptungen im wesentlichen, unter Beigabe umfangreichen, im Sinn der Hauptthese der Aussteller aber wenig stichhaltigen Dokumentenmaterials.

Trotz dieser Mängel gelang es dem HIS mit Hilfe der Ausstellungen, für seine Thesen weitreichende politische Unterstützung und Akzeptanz zu erzielen. Insbesondere war der Versuch erfolgreich, den deutschen Rußlandfeldzug mit dem Begriff eines unprovozierten 'Vernichtungskriegs' zu belegen, obwohl fast zeitgleich immer eindeutigere Beweise für die Richtigkeit der Präventivkriegsthese gefunden wurden. Die Auseinandersetzung um die beiden Wehrmachtsausstellungen gehört zur Kulturgeschichte der Bundesrepublik nach der "Wiedervereinigung" von 1990. Sie steht symbolisch für die seit dieser Zeit zunehmende Übernahme realsozialistischer Geschichtsdeutung durch die Öffentlichkeit.

Literatur:

Hamburger Institut für Sozialforschung: Verbrechen der Wehrmacht, Dimensionen des Vernichtungskriegs, Hamburg 2002 (Ausstellungskatalog)

Heer, Hannes/Naumann, Klaus (Hrsg.): Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944, Hamburg 1995

Ow, Meinrad Frhr. v.: Jan-Philipp Reemtsma und die Würde der toten Soldaten, Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944. Der Bankrott einer Ausstellung - und keine Folgen?, München 2001

Scheil, Stefan: Legenden, Gerüchte, Fehlurteile - ein Kommentar zur Zweiten Auflage der Wehrmachtsausstellung des HIS, Graz 2003