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Vernichtungskrieg

Der Kriegsausbruch 1939 - Ursachen und alliierte Geschichtspolitik - Zweiter Teil

Deutschland hatte diese Fähigkeit niemals voll entwickeln können, dazu fehlten in einer bereits damals erschlossenen Welt die materiellen Ressourcen, die im Vergleich mit wirklichen Weltmächten sowohl zu wilhelminischen wie zu nationalsozialistischen Zeiten jederzeit bescheiden blieben und weder durch "Weltpolitik" noch durch "Großraumpolitik" entscheidend verbessert werden konnten. So war das Vertrauen auf die eigene Stärke in Deutschland 1939 auch schon am schwinden. Es regierte viel mehr die Angst, eingekreist und erdrosselt zu werden, was Robert H. Jackson aus den Dokumente des Auswärtigen Amts korrekt herausgelesen hatte. Hellsichtige Beobachter konnten das schon vorher problemlos erkennen. Jean-Paul Sartre hatte gleich bei Kriegsausbruch notiert, wie wenig es den deutschen Intentionen entsprach, daß überhaupt Krieg geführt wurde:

"Deutschland wollte den Krieg nicht. Es hat in Polen eine heikle Partie gespielt und nicht verstanden, den 'kritischen Punkt' zu bestimmen. Es lehnt den totalen Krieg ab, weil es ihn nicht führen kann," trug er in sein Tagebuch ein. Dazu paßte, daß Hitler im Frühjahr 1939 intern ausgeführt hatte, man werde wegen Danzig etwas Druck auf Polen ausüben, aber wohl in den sauren Apfel beißen müssen und Polens Grenzen anerkennen. Er würde "nicht der Idiot sein, wegen Polen in einen Krieg zu schlittern". Noch während der militärisch scheinbar günstigen Lage des Sommers 1942 lobte er sich nicht etwa dafür, den richtigen Zeitpunkt für den Krieg gewählt zu haben, sondern stellte im kleinen Kreis Betrachtungen der Art an, die Engländer seien für ihre bisher erlebte Niederlagenkette selbst verantwortlich, denn sie hätten "nicht warten können" und den Krieg zu früh angefangen, statt "noch drei oder vier Jahre" zu rüsten.

Groß war in jedem Fall die Aufregung, als Fritz Hesse in seinen Memoiren, dem "Spiel um Deutschland", 1953 öffentlich in Frage stellte, daß Hitler den Krieg gegen Polen gewollt habe. Er selbst, so Hesse, sei als Mitarbeiter der Deutschen Botschaft am Abend des 2. September 1939 im Auftrag von Hitler zum englischen Premier Chamberlain geschickt worden, um den sofortigen Rückzug der in Polen eingerückten deutschen Truppen anzubieten. Auch von Schadenersatz für die beim Angriff entstandenen Verwüstungen sei die Rede gewesen, wenn im Gegenzug bloß Danzig zu Deutschland käme. Polnisches Staatsterritorium wolle man nicht. Die englische Regierung habe das abgelehnt, da die Kriegserklärung beschlossene Sache sei und sich politisch nicht mehr aufhalten lasse.

Hesse wurde für seine Darstellung aus Fachkreisen angefeindet. Er gehörte zu jenen potentiellen Zeugen, die den Nürnberger Prozeß in irgendwelchen alliierten Internierungslagern verbracht hatten und für den Prozeß "unauffindbar" waren. Es fand sich in den veröffentlichten englischen Akten zunächst auch keine Bestätigung für seine späte Aussage. Erst nach Jahren wurden von der englischen Regierung Belege dafür nachgeschoben, daß es diesen Besuch am Vorabend des englischen Ultimatums an Deutschland tatsächlich gegeben hat. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg jedoch endgültig die Sphäre der Moral erreicht und nahm solche Details kaum noch wahr.

Vom abgeklärten Ansatz eines Ludwig Dehio oder dem späteren intellektuellen Witz eines A.J.P. Taylor war der Schweizer Historiker Walther Hofer denkbar weit entfernt, der sich ein Jahr nach Fritz Hesse dem Thema Kriegsausbruch annahm. Seine vielfach neu aufgelegte Studie über die "Entfesselung des Zweiten Weltkriegs" stellte ein Extrem in die andere Richtung dar und zielte mit möglichst wenig Umwegen auf das moralische Urteil. Es ging ihm um die "Verteilung von Schuld und Verantwortung", und er verteilte eindeutig: Schuld war Deutschland. Hitler habe den Weltkrieg "entfesselt", wie die brillante Titelwahl lautete, die neben aller einseitigen Schuldzuweisung doch auch noch das kriegerische Potential der Machtpolitik anderer Staaten implizit zugab, denn was nicht schon vorher bereits da gewesen wäre, hätte naheliegenderweise niemand "entfesseln" können. Hofer räumte daher ein, die Westmächte hätten politisch versagt und die große Krise selbst verursacht, als sie die Prinzipien des Völkerbunds verrieten. Erst Japans erfolgreiche Aggressionen hätten bei Hitler dazu geführt, den Westen nicht mehr ganz ernst zu nehmen, dafür Japan um so mehr. Italien sei es gewesen, das mit dem Angriff auf Äthiopien die internationale Lage weiter verschärft habe, dann später wieder Japan mit dem Angriff auf China.

Aber das alles, hieß es dann bei Hofer, seien koloniale Vorgänge gewesen, wegen denen niemand einen großen Krieg habe führen wollen. Am Ende sei es dann doch erst Deutschland gewesen, das die Sicherheit der anderen Großmächte bedroht und Gegenmaßnahmen erzwungen habe. Es blieb bei Hofer ungeklärt, was mit der Sicherheit Deutschlands war, die von Dingen wie dem bilateralen französisch-sowjetischen Pakt von 1935 zweifellos beeinträchtigt wurde, den selbst er als "antideutsches Bündnis" schilderte. "Aufbau einer Abwehrfront" sei das gewesen, aber es blieb offen, wogegen es sich in der konkreten Situation gerichtet haben mochte. Bevor der französische Premier nach Moskau reiste, war es doch gerade seine und die Regierung seiner Vorgänger gewesen, die jeden Vorschlag der Begrenzung einer deutschen Wiederaufrüstung zurückgewiesen hatte.

Hofer arbeitete entschieden auf sein Ziel zu, wobei gelegentlich die Seriosität auf der Strecke blieb. So hatte Hitler in seinem unveröffentlichten 'Zweiten Buch' geschrieben, die Vereinigung Europas könnte, wenn überhaupt, nur durch Gewalt erfolgen, das führe seiner Meinung nach aber zu "Rassenmischung" und sei deshalb abzulehnen, wünschenswert sei ein Europa freier und unabhängiger Nationalstaaten. Diesen Schluß lies Hofer schlicht weg und behauptete, Hitler hätte hier die Eroberung Europas gefordert.

Hesses Aussagen über das deutsche Rückzugsangebot aus Polen berücksichtigte Hofer überhaupt nicht. Nirgends zu finden war bei ihm auch die wohlbekannte Äußerung des polnischen Botschafters Lipski am letzten Friedenstag, er müsse sich nicht um deutsche Verhandlungsangebote kümmern, gleich welcher Art sie seien. Polnische Truppen würden bald siegreich auf Berlin marschieren. Hofers Darstellung unterschlug sogar den gesamten Besuch des englischen Diplomaten Forbes und des schwedischen Vermittlers Dahlerus in der polnischen Botschaft, während dem diese Äußerung fiel. Bei dieser Gelegenheit wurden auch noch einmal die schriftlich ausformulierten deutschen Verhandlungsvorschläge übergeben, von denen es später von polnischer Seite und auch bei Hofer noch hieß, sie seien der polnischen Regierung nicht bekannt gewesen. Lipski legte das Papier nur zur Seite und sagte, er könne nicht lesen, was dort stehe.

Dennoch ist die Studie des Schweizer Historikers ein klassisches Vehikel der bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigung geworden und geblieben. Die Schuldigen waren schnell aufgezählt. Im Zentrum stand ein Deutschland, dessen Sicherheitsbedürfnisse und machtpolitische Ziele von vornherein illegitim waren und eine Sowjetunion, die sich zwar opportunistisch an der Entfesselung des Krieges beteiligte, dabei aber vorwiegend auf die eigene Sicherheit bedacht war. Die Politik der Republik Polen blieb für ihn nur eine Funktion der Westmächte.

Auf der anderen Seite stand in seiner Darstellung daher nur ein Bild von vollkommen harmlosen und gutwilligen Westmächten, von denen man bei Hofer an keiner Stelle glauben mochte, sie hätten etwa schlicht traditionelle Machtpolitik betrieben. Ihren Rücken stärkten dann die bei ihm scheinbar politisch fast gar nicht aktiven und interesselosen Vereinigten Staaten. Diese abgestufte Zuweisung von Verantwortung konnte in den fünfziger Jahren schnell zum geschichtspolitischen Standard avancieren, legitimierte sie doch auf historischer Ebene den vielzitierten Satz des ersten Generalsekretärs der NATO über den Bündniszweck, man müsse zur Sicherung des Status quo in Europa die Amerikaner drin behalten, die Russen draußen und die Deutschen unten.

Robert H. Jacksons Problem von 1945 war allemal erfolgreich gelöst worden, solange dieser Eindruck von den Historikern gepflegt wurde. Es konnte allerdings nicht überraschen, als diese Form der Geschichtsschreibung zunehmend das Ziel der Attacken von Revisionisten wurde, von denen manche seriös arbeiteten, andere aber statt der Alleinschuld nun mit nicht weniger Eifer, und gar nicht selten ebenfalls jenseits der Seriosität, die vollkommene Unschuld nationalsozialistischer Außenpolitik beweisen wollten. Der geschichtlichen Wahrheit hat das, wie der Nürnberger Prozeß selbst, oft nur sehr am Rand gedient. Sie konnte immer nur jenseits der politischen Auseinandersetzung und der moralischen Fehlschlüsse gefunden werden. Zu viele Staaten wollten in den 1930er Jahren ihre Interessen fördern, indem sie am Untergang des Nachbarn arbeiteten. Die "Entfesselung" des europäischen Krieges, der später zum Zweiten Weltkriegs wurde, ist eine "vereinte Entfesselung" gewesen."

 

 Erster Teil

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