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Vernichtungskrieg

Aktuelle Debatten:

Gab es einen deutschen Hungerplan gegen die Zivilbevölkerung der Sowjetunion? - Auszug aus einer Debatte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zwischen den Historikern Dr. Alex J. Kay und Dr. Stefan Scheil. Hier der Beitrag von Dr. Scheil am 16. Mai 2007:

"Deutsches Militär und die Ministerialbürokratie haben vor dem Angriff auf die UdSSR keinen Hungerplan gegen die sowjetische Zivilbevölkerung entworfen. Dies räumt Alex Kay in seiner Erwiderung auf meinen Artikel vom 13. Dezember 2006 ein, und dies verdient zunächst festgehalten zu werden, denn seit dem Nürnberger Prozeß ist der "Hungerplan" ein steter Bestandteil in den Debatten über wirkliche und angebliche Wehrmachtsverbrechen in der UdSSR gewesen.

Dessen ungeachtet setzt Kay fort, es habe dennoch einen "Beschluß" gegeben, Millionen Menschen verhungern zu lassen, der dann nur nicht zu einem "Plan" geführt habe, weil die Entscheidungsträger zur Planung "nicht in der Lage gewesen" seien. Eine Erläuterung zu dieser etwas wunderlichen Argumentation gibt er nicht. In der Tat läßt sich auch kaum ein Grund vorstellen, warum die Wehrmachtsführung oder die Staatssekretäre der Ministerien einen solchen Plan nicht hätten entwerfen können, wenn ein "Vorsatz" oder gar ein "Beschluß" dieser Art vorgelegen hätte. Der systematische Entzug von Nahrungsmitteln, jene Methode, mit der die sowjetische Regierung anfangs der 1930er Jahre in den später von den deutschen Streitkräften besetzten Gebieten bereits Millionen Menschen ermordet hatte, hätte mit Sicherheit auch während der Vorbereitungen des Unternehmens Barbarossa kein unüberwindliches Planungshindernis dargestellt.

Nichts in den Quellen deutet jedoch darauf hin, daß ein ähnlicher Mordplan von der deutschen Staats- und Militärführung "beschlossen" worden war. Es wird in den von Alex Kay selbst zitierten Dokumenten, es sind die einzigen dieser Art, an einigen Stellen die – sachlich unrichtige - Ansicht vertreten, ein Verhungern von Teilen der russischen Zivilbevölkerung sei im Kriegsfall unvermeidlich. An keiner Stelle wird jedoch behauptet, der Hungertod der russischen Bevölkerung sei von wem auch immer in der NS-Hierarchie erwünscht oder solle willkürlich herbeigeführt werden. Dementsprechend gab es keinerlei nachweisbare Beschlußfassung in dieser Hinsicht, und es sind auch keine Planungsansätze bekannt, die an sachlichen Hindernissen gescheitert wären. Weder die bekannten Dokumente noch die tatsächlich ergangenen Anordungen lassen einen Hungerplan erkennen.

Nachdem er vor diesem Hintergrund im weiteren darauf hingewiesen hat, man dürfe aus dem tatsächlichen Verlauf des Rußlandfeldzugs nicht auf die vorherigen Planungen schließen, tut Alex Kay genau dies und führt das Schicksal der russischen Kriegsgefangenen als Beispiel für die "Natur des Angriffs" ein. Dies ist in der Tat ein gutes Beispiel dafür, daß Plan und Wirklichkeit auseinanderfallen können, allerdings gerade nicht in dem von Kay gemeinten Sinn. Anders als für die sowjetische Zivilbevölkerung gab es für die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen einen Plan und zentrale Anordnungen. Demnach sollten die Kriegsgefangenen einen Nahrungsmittelsatz erhalten, der zwischen 1900 und 2200 Kalorien lag und damit fünfzehn bis zwanzig Prozent unterhalb der Rationen der deutschen Zivilbevölkerung. Wenig genug, hätte dies dennoch niemanden zum Hungertod verurteilt und war im übrigen das Zwei- bis Dreifache dessen, was später die alliierte Militärverwaltung 1945 in Deutschland ausgeben sollte. Die russischen Kriegsgefangenen sollten nach dem Willen der NS-Führung für die deutsche Kriegsindustrie arbeiten. Ukrainische und weißrussische Kriegsgefangene wurden im Spätsommer 1941 eine Zeitlang aus der Gefangenschaft entlassen, um beim Einbringen der Ernte zu helfen, bis diese Praxis wegen der großen Zahl an Deserteuren beendet wurde.

Die Anordnungen der NS-Führung gingen während des ganzen Sommers und im Herbst 1941 davon aus, daß der Einsatz der russischen Gefangenen in der deutschen Industrie möglich sein würde. Als sich die schließliche Hungerkatastrophe abzeichnete, sprachen die Armeeführer bei Hitler persönlich vor. Auch dies ist im Rahmen der Diskussionen über Wehrmachtsverbrechen entscheidend. Sie forderten eine höhere Priorität der Ernährung der Kriegsgefangenen und erhielten dies vom Diktator auch zugesagt. Jeder Gefangene solle demnach ausreichend ernährt werden. Daß dies dennoch nicht gelang, hing entscheidend mit der logistischen Katastrophe zusammen, der die Kriegsgefangenen und das "Unternehmen Barbarossa" zum Opfer fallen sollten. Wo die geplanten Ernährungssätze verfügbar waren, wurden sie den Gefangenen gegeben. Klaus-Jochen Arnold hat darauf in seiner in meinem Artikel erwähnten Dissertation hingewiesen. So blieb die Hungerkatastrophe unter den Kriegsgefangenen etwa auf der Halbinsel Krim aus diesen Gründen aus."