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Domenico Losurdo: Kampf um die Geschichte - der historische Revisionismus und seine Mythen, Köln 2007

Es gehört zu den "Mythen des historischen Revisionismus", den Ursprung der als neuartig eingestuften, umfangreichen Menschheitsverbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts in den revolutionären Bewegungen seit 1789 zu sehen. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Art Revisionismus in Deutschland ist Ernst Nolte, der ganz besonders den Nationalsozialismus als Gegenbewegung zu dem marxistisch-leninistischen Versuch deutet, den 1789 proklamierten Kampf um Menschenrechte jenseits von allen sozialen Zielsetzungen auf einer elementaren Ebene zu führen. Gegen Nolte und andere tritt Domenico Losurdo mit dem Anspruch auf den Plan, den von Nolte gesehenen kausalen Zusammenhang zwischen Massenverbrechen im Namen der Menschlichkeit und der faschistischen Reaktion als Mythos zu entlarven. Ganz besonders kritisiert Losurdo die von Nolte verwendete Charakterisierung der nationalsozialistischen und der kommunistischen Verbrechen als "asiatische Taten". "Asien" ist überall, könnte man seine These zusammenfassen, unter anderem auch in Washington und London.

Tatsächlich lassen sich jedoch etliche Punkte dafür anführen, daß "Revolution", also der Aufstieg einer neuen politischen Macht, auch im Fall des früher katholisch-romanisch, später angelsächsisch-protestantisch agierenden, europäischen Zugriffs in die Welt, mit Menschheitsverbrechen im Namen von Christentum und Kultur verbunden war. Zu Losurdos zentralem Anliegen gehört es dabei, die Methoden des westlichen Imperialismus denen der Revolutionäre seit 1789 gegenüberzustellen, also den Greueln der französischen oder der sowjetischen Revolution. Dies ist so originell wie gewagt. So ließ die englische Besatzungsmacht während des Zweiten Weltkriegs in Bengalen etwa drei Millionen Menschen verhungern. Losurdo verwendet dieses Argument, um mit seiner Hilfe die Ermordung von Millionen Ukrainern durch das Sowjetsystem kleinzureden, die ebenfalls durch Hunger geschah. Da er deshalb nun auch die englischen Taten nicht als außergewöhnlich brandmarken kann, kommt es im Rahmen seines Argumentationsgangs zu dem unglaublichen Satz: "Angesichts des gigantischen weltweiten Zusammenpralls ist der Hunger in Bengalen eine zu vernachlässigende Größe." Dessen ungeachtet liefert Losurdo eine präzise Aufstellung. Der Kriegsgerichtsbarkeitserlaß des Unternehmens Barbarossa, der angebliche oder wirkliche deutsche und sowjetische Hungerkrieg gegen Zivilbevölkerungen, ethnische Säuberungen und anderes mehr sind keineswegs nationalsozialistische oder kommunistische Neuerungen, sondern ebenso im Rahmen der westlichen Kriegspolitik nachzuweisen, auch bereits vor 1789. Losurdo ist eines der interessantesten Werke der letzten Zeit gelungen, das die Lächerlichkeiten der deutschen "Historikerstreit"-Provinz beiläufig bloßstellt.