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Vernichtungskrieg

Buchbesprechungen:

Tarmo Kunnas: Faszination eines Trugbildes – Der europäische Intellektuelle und die faschistische Versuchung 1919-1945, Achenmühle 2017, 703 S.

 

Über den Faschismus in der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ist wahrlich schon sehr viel gesagt und geschrieben worden, auch über dessen Attraktivität für Intellektuelle aus vielen verschiedenen europäischen Ländern. Tarmo Kunnas legt nun einen weiteren umfangreichen Band zum Thema vor: Der Tenor ist, kurz gesagt, ein Aufruf zur Differenzierung.

 

Der Autor (Jg. 1942) ist Inhaber einer Professur für „Weltliteratur“ und allgemeiner Literatur an den finnischen Unversitäten Jyväskylä und Helsinki, war schon Gastprofessor in Göttingen und an der Sorbonne, erhielt Humboldt- und DAAD-Stipendien. Der Autor ist also ein Mann mit markantem wissenschaftlich-akademischem Profil.

 

In diesem Buch stellt er etwa achtzig „Intellektuelle“ aus ganz Europa vor, gefühlt scheinen es jedoch erheblich mehr zu sein. Überwiegend sind es solche, die sich ganz oder phasenweise der ‚Faschistischen Versuchung‘ hingegeben haben und entsprechende Spuren in ihren Veröffentlichungen hinterließen.

 

Der Grund für diese Haltung lag in den scheinbar richtigen Antworten, die ‚Faschismus‘ auf die damals drängenden Fragen der Zeit zu geben schien, wobei Kunnas ausdrücklich darauf hinweist, daß die tatsächliche Entwicklung der faschistischen Antwort nicht immer oder sogar höchst selten in die Richtung verlief, die den Intellektuellen angemessen zu sein schien.

 

Was diese Fragen angeht, so sind es Fragen der Moderne, wie die nach der Zukunft der Zivilisation, der Rolle des Geldes, der Legitimität von Machtausübung, aber auch der von Parlamentarismus. Dazu kommen zeitlose Fragen, etwa die nach dem Wert des Individuums und der Opferbereitschaft des Einzelnen für die Gemeinschaft, wobei Kunnas hier auch in einem längeren Abschnitt die nicht immer ablehnende Haltung faschistischer Intellektueller zum Kommunismus beleuchtet.

 

Für die deutschen Debatten der letzten Jahre dürften die Abschnitte über Martin Heidegger interessant sein. Kunnas diskutiert intensiv Heideggers jüngst publizierte ‚Schwarze Hefte‘ und rückt – völlig zu Recht, meint der Rezensent – den darin angeblich enthaltenen Antisemitismus perspektivisch in den Hintergrund. Nur auf fünf von mehreren tausend Seiten finden sich bei Heidegger überhaupt Aussagen über Juden. Denen mag man widersprechen, spekulativ sind sie auch, wie bei Heidegger regelmäßig zu allen Themen der Fall. Antisemitisch sind sie nicht.

 

Tarmo Kunnas hat einen bemerkenswerten Band zur intellektuellen europäischen Landschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorgelegt. Man muß kein Prophet sein, um zu sagen: Den einfältigen Hühnerhaufen der Massenmedien und der pseudowissenschaftlichen Linken an den Universitäten wird er kaum erreichen.