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Besprechungen:

Markus Krzoska: Für ein Polen an Oder und Ostsee – Zygmunt Wojciechowski (1900-1955) als Historiker und Publizist, Osnabrück 2003, 482 S.

Zu den öffentlichen Tabus in Deutschland gehört die Herkunft der Oder-Neisse-Linie als derzeitiger Grenze zur Republik Polen. Als öffentliches Tabu läßt sich dies deshalb bezeichnen, weil unter es Historikern längst ein Gemeinplatz ist, daß in Polen vor 1939 bei zahllosen Gelegenheiten diese Grenzziehung gefordert wurde, während dies in der breiteren politischen und publizistischen Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland – und übrigens auch der Republik Polen - geflissentlich bestritten wird.

Markus Krzoska hat sich für seine Dissertation einen der Propagandisten dieser Grenzziehung genauer angesehen, den Mediävisten Wojciechowski. Er schildert Wojciechowski als einen Historiker, der bei seiner Arbeit zur mittelalterlichen Geschichte niemals den Blick auf die aktuelle und kommende Politik verloren hat. Wissenschaftliche Erkenntnis wurde politischen Zwecken im Zweifel stets untergeordnet, wobei es Wojciechowski vorzugsweise um die Hervorhebung der Eigenständigkeit Polens in seiner Gründungsphase im 10. und 11. Jahrhundert ging. Angebliche Gleichrangigkeit oder gar Suprematie der damaligen polnischen Krone gegenüber den deutschen Königen und Kaisern sollte die Begründung für die umfassende Wiederentstehung des polnischen Staates mit einer breiten Ostseeküste abgeben.

Wojciechowski gelang es, sich in den politischen Umbrüchen auch des Zweiten Weltkriegs zurecht zu finden und auch unter dem stalinistisch geprägten Nachkriegspolen seine akademische Stellung zu behaupten. Krzoska schildert dies alles sehr nüchtern, detailliert, leicht ironisch und natürlich ‚politisch korrekt’, indem er sicherheitshalber zur Not in den Fußnoten auf die Unvergleichbarkeit polnischer Expansionspläne mit deutschen Plänen verweist. Dennoch ist das Buch unverzichtbar für jeden, der sich mit den innerpolnischen Verhältnissen der Jahre vor 1939 näher befassen will. Vielleicht spricht sich danach die Herkunft der Oder-Neisse-Grenze irgendwann öffentlich herum.