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Vernichtungskrieg

 

Besprechungen:

Lothar Fritze: Die Moral des Bombenterrors - Alliierte Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg, München 2007

 

Lothar Fritze widmet sich auf den ersten Blick dem gleichen Thema wie Björn Schumacher, aber deutlich anders akzentuiert. Er stelle vor allem Fragen, erklärt Fritze eingangs. Es sind umfassende Fragen nach der politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Gesamtsituation, in welcher der Zweite Weltkrieg stattfand, die er stellt. Zudem geht er nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch deutlich über diesen Krieg hinaus. Das von ihm unter anderem hinterfragte Argumentations- und Erklärungsschema, das sich sinngemäß umschreiben läßt: Hätte es in den 1930ern kein Appeasement, sondern einen Präventivkrieg gegeben, dann wäre eine große Katastrophe vermieden worden, genießt als politische Meinung heute den Rang barer Münze und wurde zur Begründung etwa des Irakkriegs öffentlich - und bekanntlich fragwürdigerweise - bemüht. Insgesamt verspricht der Autor ein moralphilosophisch angelegtes Essay.

 

Fritze stellt richtig fest, das Thema halte Fallstricke bereit und sichert sich zunächst einmal mit der expliziten Anerkennung der "unbestrittenen" politischen und moralischen Hauptverantwortung Deutschlands für die "europäische Komponente des Ereignisses Zweiter Weltkrieg" ab. So rückversichert, geht er dann aber auf überraschend erfrischende Weise an die heiklen Themen, wie "legitime Kriegsziele", "Warum eine Allianz mit Stalin?", "Ungültige Rechtfertigungsgründe" und vieles andere mehr. Er legt dabei die geltenden Maßstäbe der Vereinten Nationen an und nennt als legitimen Kriegsgrund nur die Selbstverteidigung und die Hilfe für angegriffene Dritte. Auch dabei dürfe der Einsatz kriegerischer Mittel nur die Wiederherstellung des Rechts zum Ziel haben, sei also nach Art und Umfang begrenzt. Der Vernichtungskrieg zur Ausschaltung eines potentiellen Gegners oder wirtschaftlichen Konkurrenten ist demnach keinesfalls gerechtfertigt.

An dieser Stelle offenbart ein Blick in Stichwortregister und Literaturverzeichnis das Fehlen des Namens Carl Schmitt. Das überrascht, muß aber insofern kein Schaden sein, als Schmitts vielfach zutreffende und teilweise zynische Analyse der Politik des westlichen Imperialismus gelegentlich nicht den Schritt vermeiden konnte, von Sein auf Sollen zu schließen. Genau dort hört die Moral bekanntlich auf, und es ist durchaus erfrischend zu lesen, wie Fritze einen Moralessay zur Zeitgeschichte verfasst hat, der letztlich die einseitigen Schuldzuweisungen in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg in ihrer Gesamtheit untergräbt. Dem Autor ist dabei bewußt, daß sein Versuch, Machtpolitik unter moralischem Gesichtspunkt zu beleuchten, "manchem 'Realisten' als abwegig erscheinen" muß. Den Vorwurf der Relativierung nimmt er offen an und bezeichnet sie als Mißverständnis. Wenn sowohl Täter als auch Opfer Schuld auf sich geladen hätten, relativiert sich der Unterschied zwischen Täter und Opfer, stellt er fest. "Und dies sollte man auch nicht vermeiden wollen!", fährt er fort. Die Schuld des Täters werde dadurch nicht geringer. Dies klingt etwas materialistisch nach kommunizierenden Röhren, aber darüber läßt sich diskutieren.