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Vernichtungskrieg

Besprechung:

Christopher Browning: Die Entfesselung der "Endlösung", München 2003

Seriöse Wissenschaft hat es im Medienzeitalter immer schwer, gehört zu werden. Spätestens seit der Wehrmachtsausstellung und dem gigantischen Erfolg von Daniel Goldhagens "willigen Vollstreckern" sind ganz besonders in Deutschland die schrecklichen Vereinfacher und Legendenproduzenten am Zug gewesen. Christopher Browning ist jedoch eine jener Ausnahmen, die eine gewisse Popularität mit solidem Handwerk verbinden. Er hat nun eine zusammenfassende Analyse dessen geschrieben, was die Forschung über die Entscheidungsfindung zum Mord an den europäischen Juden herausgefunden hat.

Browning schildert die 1939 angelaufene Tötung von Geisteskranken und akzeptiert die These einer Vorbildfunktion für den späteren Genozid. Der Krieg ließ die Hemmschwellen und den Kurs eines Menschenlebens sinken. Polen sei nach der militärischen Niederlage seit 1939 eine Art "Laboratorium" für die kommende nationalsozialistische Rassenpolitik gewesen. Den Autor beschäftigt die vieldiskutierte Rolle der Wehrmacht in diesem Zeitraum und er kann zeigen, daß von einer kritiklosen Übereinstimmung der führenden Offiziere mit der nationalsozialistischen Lebensraumpolitik nicht gesprochen werden kann. Obwohl die Brutalitäten im deutsch besetzten Tel Polens quantitativ kaum ein Zehntel der Opfer forderten, die gleichzeitig im von der UdSSR okkupierten Ostteil der polnischen Vorkriegsrepublik wegen der Klassenpolitik sowjetischer Prägung ihr Leben lassen mußten, gab es im deutschen Offizierskorps deutlichen Widerstand gegen diese Maßnahmen, der teilweise in eine Art bürokratischen Kleinkrieg der Militärverwaltung gegen die nationalsozialistischen Funktionsträger mündete. Daß diese Auseinandersetzung nicht zu gewinnen war, trieb etwa Generalstabschef Halder buchstäblich in einen Nervenzusammenbruch. Trotzdem blieb das Dilemma der hohen Wehrmachtsoffiziere unlösbar. Einen Aufstand gegen Hitler konnte man nicht riskieren, so Halder, weil die Unterstützung des jüngeren Offizierskorps nicht sicher sei und es generell nicht zu verantworten wäre, mitten im Existenzkampf Deutschlands einen Bürgerkrieg zu riskieren.

So wie es vor Kriegsausbruch weder eine ausreichende Rüstung noch irgendeine militärische Strategie gab, lagen im nationalsozialistischen Führungszirkel auch die Vorstellungen darüber, was mit den europäischen Juden geschehen sollte, keineswegs fest. Obwohl man den Einsatzgruppen bereits in Polen den Befehl gegeben hatte, für gefährlich erachtete Juden zu töten, galt dies nicht für eine Mordabsicht an der jüdischen Bevölkerung als ganzes, wie Browning schreibt. Er zitiert auch die berühmt-berüchtigte Denkschrift Heinrich Himmlers vom Frühjahr 1940, die deren Deportation nach irgendwohin außerhalb Europas befürwortete, Massentötungen jedoch ablehnte, weil so etwas eine "bolschewistische und ungermanische" Handlung sei. Hitler stimmte dem ausdrücklich zu.

Man möchte sich wünschen, die Nationalsozialisten hätten aus dieser Ansicht dauerhaft die entsprechenden Konsequenzen gezogen. Jedenfalls blieb es, wie Browning beschreibt, längere Zeit bei den Überlegungen, einen Ort zu finden, an dem die europäischen Juden Himmlers Vorstellungen entsprechend untergebracht werden könnten. Zunächst war die Umgebung von Lublin im Gespräch, dann lange Zeit Madagaskar, später wurde diese Vorstellung wegen ihrer offenkundigen militärischen Undurchsetzbarkeit aufgegeben, auch wenn sie von Hitler noch im Winter 1940/41 als die beste Lösung erachtet wurde. Dann, im Vorfeld der Planungen für den Angriff auf die UdSSR, räumte Hitler gar ein, nie wirklich darüber nachgedacht zu haben, was mit den Juden außerhalb Deutschlands geschehen solle, daß aber jetzt "neue Möglichkeiten" sichtbar würden. Auch dies, so Browning, sei noch keine Andeutung, daß bereits die Entscheidung zum Mord gefallen war, sondern daß der geplante, neue Deportationsort jetzt in der Sowjetunion lag.

Das Dickicht an Theorien, wann, warum und wie die Entscheidung zum Judenmord gefällt wurde, ist selbst für den Fachmann kaum noch zu durchqueren. Letztlich kann auch Browning keine sichere Antwort geben, warum im deutschen Machtbereich während des Sommers 1941 dann doch ein Massenverbrechen in Gang gesetzt wurde, dem die führenden Nationalsozialisten ein Jahr zuvor noch das für sie negativste aller Prädikate zugeordnet hatten, nämlich ein "bolschewistisches" zu sein. Er spricht von einer "fatalen Wandlung" der nationalsozialistischen Judenpolitik im zweiten Halbjahr, von der "vagen Vision eines in die Zukunft verlegten implizierten Genozids", die sich ab Juni 1941 entwickelt hätte und stellt zutreffend die bei den meisten Historikern bestehende Einigkeit darüber fest, daß der "amorphe und unstrukturierte Charakter des nationalsozialistischen Entscheidungsprozesses durch ein einfaches, lineares und hierarchisches Modell nach dem Muster Entscheidung-Befehl-Durchführung nicht erfasst wird."

Das ist eine Antwort, die alle schrecklichen Vereinfachungen zurückweist, wie sie etwa von Daniel Goldhagen so populistisch vertreten wurden. Sie bleibt dennoch unbefriedigend. Ob man je präziser werden kann, bleibt abzuwarten. Derzeit sieht es nicht danach aus. Es sieht eher danach aus, als würde die stetig anschwellende Zahl an wirklich und vermeintlich gesicherten Erkenntnissen in diesem Bereich selbst die Auffassungsgabe des Fachmanns irgendwann übersteigen. Dazu kommt noch, daß Gerüchte und Legenden wie etwa die Darstellung des "Franzl-Briefs" über ein soldatisches Rachemassaker an Juden, die von Wehrmachtsausstellung populär gemacht wurde, nicht leicht wieder aus der Welt zu schaffen sind. Auch bei Browning wird das Papier ausgiebig als seriöse Quelle zitiert, obwohl es längst als nationalsozialistischer Propagandaaushang enttarnt wurde. Man würde sich überhaupt manchmal wünschen, der Autor wäre etwas kritischer mit den Produkten aus dem Umfeld des Hamburger Instituts für Sozialforschung gewesen, wird aber an anderer Stelle wieder dadurch entschädigt, daß er Gerüchte entsorgt. So werden manche in der Wehrmachtsausstellung als verbrecherisch präsentierte Maßnahmen gegen den serbischen Partisanenkrieg von ihm als "realitätsnahe" Antwort bezeichnet, um "eine militärische Katastrophe" zu vermeiden. "Die Aufgabe von Berufssoldaten war es, ihr Vaterland gegen Feinde zu verteidigen, es stand ihnen nicht zu, ihr Urteil und ihre Loyalität von der Politik der Regierung abhängig zu machen, die diese Feinde schuf." Nicht nur dies wird manchen verärgern, der einfache Antworten liebt.