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Besprechungen:

Nicholson Baker: Human Smoke – The Beginnings of World War II, the End of Civilization, New York-London 2008

Seit einigen Monaten tobt ein kleiner Sturm durch das deutschsprachige Feuilleton. Ratlos und verärgert stehen viele Blätter dem neuen Buch von einem gegenüber, den sie sonst zu hätscheln pflegen. Nicholson Baker, anerkanntermaßen einer der großen amerikanischen Erzähler der Gegenwart und viel gelobt für seine ironischen und polemischen Vorstöße gegen die Absurditäten der Zeitläufe, hat sich diesmal unbeliebt gemacht. Er hat nicht den allseits verachteten George Bush im Visier, wie 2004 in „Checkpoint“, als er seinen Protagonisten diesbezüglich in Mordphantasien schwelgen ließ. Er wendet sich auch nicht populistisch gegen die alltäglichen Büchervernichtungen in amerikanischen Bibliotheken, wie im „Eckenknick“ von 2005. Baker führt statt dessen vor, wie Kriege entstehen, wie Kriegsparteien sich gegenseitig hochschaukeln und zwar am Beispiel des Zweiten Weltkriegs.

Schon in den USA traf das Buch auf verärgerte Reaktionen. Bei so viel anerkannter Wechselwirkung wittert der deutsche Redakteur erst Recht sofort einen Verstoß gegen die Dogmen von Überfall und Alleinschuld und geht quasi instinktiv dagegen vor. Dabei fällt dies in der Sache durchaus schwer. Baker hat bewusst keinen Roman geschrieben, sondern eine literarisch anspruchsvolle, aber durchgehend nicht-fiktionale Darstellung. Er verteilt keine Schuld, hält sich zurück und verzichtet weitgehend auf Wertungen historischer oder allgemeiner Art. Statt dessen läßt er Fakten sprechen und bringt, in chronologischer Reihenfolge geordnet, jeweils kleine Absätze von meistens etwa einer halben Seite, die immer recht präzise eine wahre Begebenheit schildern.

Baker setzt weit zurück an, mit der allzu optimistischen Einschätzung Alfred Nobels, das von ihm neugeschaffene Zerstörungspotential würde Kriege vielleicht ganz unmöglich machen, da doch jeder die existentielle Gefährdung der Menschheit durch weitere Kampfhandlungen einsehen müsse. Gleich darauf kommt er als Kontrast zu Stefan Zweig und dessen Beobachtungen, als die liebenswürdigen Bürger im französischen Tours, die nichts über die Welt wussten, als was sie in der Zeitung gelesen hatten, eines Tages völlig verrückt vor Aggressivität wurden. Es war im Frühling 1914. Im Kino war für einen Augenblick Kaiser Wilhelm II. auf der Leinwand zu sehen gewesen.

Der Zweite Weltkrieg, dessen Vorgeschichte Baker im weiteren nachspürt, erscheint aus dieser Perspektive als eine Fortsetzung des Ersten. Das Personal blieb auf alliierter Seite ja an prominenter Stelle identisch, was beispielsweise sowohl für Winston Churchill wie für Franklin Roosevelt gilt. Es sei, als würde man eine lange unterbrochene Routine wieder aufnehmen, zitiert Baker den Kommentar des amerikanischen Präsidenten zum Kriegsausbruch am 1. September 1939. Man dachte sich zuvor auf alliierter Seite etwas und sah den Krieg kommen, ja man verschärfte den politischen Kurs hin zu einem Kriegskurs. Auf diesen Gedanken läßt Baker den Leser von selbst kommen. In diesem Bereich ist das Buch weniger deutlich als beispielsweise „Churchill, Hitler und der Antisemitismus“ von Stefan Scheil, der die Kriegslust besonders Churchills direkt ausarbeitet.

So weit er die Kriegszeit bearbeitet, fokussiert sich Baker im wesentlichen auf zwei Themen. Die Eskalation der militärischen Handlungen nach dem September 1939 und insbesondere des Bombenkriegs, wird richtigerweise als von Churchill gewünscht erkennbar. Daß Hitler mehrfach und auch nach dem Fall von Frankreich Friedensbedingungen anbot, die dem englischen Botschafter in Washington, Lord Lothian, als „überaus befriedigend“ erschienen und deren Annahme er dringend empfahl, könnte der Autor beim Rezensenten ausführlicher nachgelesen haben. Leider gibt Baker die Begebenheit nur verkürzt wieder, als allgemeine Empfehlung Lothians, im Radio nichts gegen den Frieden zu sagen.

Das zweite große Thema Bakers ist die nationalsozialistische Judenverfolgung, die in der Vorkriegszeit in der im Januar 1939 erfolgten öffentlichen Ankündigung Hitlers gipfelte, die europäischen Juden hätten im Kriegsfall ihre Ausrottung zu erwarten. Im alliierten Lager interessierte das eigentlich niemanden so recht. Die immer neuen Verschärfungen der Judenverfolgung blieben von Regierungsseite ohne Echo und praktischen Rettungsversuch. Baker bricht die Darstellung mit dem Jahresende 1941 ab, für das weitere Geschehen fehlten ihm vielleicht die Worte. Möglicherweise wird dies eines Tages anders sein. Es wäre dann ein weiterer Beitrag zur Überwindung der Schuldklischees, die auch das Feuilleton noch zum Großteil prägen.