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Vernichtungskrieg

 

Besprechungen:

Albert L. Weeks - Stalin's other war, Soviet Grand Strategy 1939-1941, Oxford 2002, 201 S.

Der eiserne Vorhang hat sich 1989 nach einigen Jahren der Perestrojka endgültig gehoben. Im Hinblick auf die Vergangenheitsbewältigung ist damals jedoch zunächst eine Mauer in den Köpfen erhalten geblieben, die durch das offizielle sowjetische Geschichtsbild errichtet worden war. Erst sehr langsam bildeten sich Risse auch in in diesem Wall, vor 1989 bereits durch russische Überläufer wie Viktor Suworow, später aufgrund der freieren Forschung in Rußland selbst. Diese Risse wurden allerdings durch die Praxis der russischen Archivverwaltung manchmal zügig wieder verputzt, da im Eifer der Umgestaltung bereits geöffnete Aktenbestände wieder gesperrt wurden.

Albert Weeks gibt nun in einer Mischung aus Forschungsarbeit und Literaturbericht einen Überblick über den Diskussionsstand zur Debatte über die sowjetische Langzeitstrategie gegen den Westen, wie sie 1939 bis 1941 verfolgt wurde. Es handelt sich um ein Alterswerk. Der 1923 geborene amerikanische Autor ist emeritierter Professor für politische Wissenschaft. Er legt mit "Stalin's other War" eine ebenso kurze wie präzise Schilderung vor.

Seine Darstellung mischt dabei die Methoden der Kremlastrologie mit den neuen Informationen, wie sie aus sowjetischen Archiven bekannt sind. Er berücksichtigt also die frühen öffentlichen Äußerungen Stalins über die selbstverständlich offensiven Absichten der Sowjetunion gegenüber dem kapitalistischen Ausland ebenso wie dessen Geheimreden im Herbst 1939. Man müsse die kriegführenden Staaten gegeneinander aufhetzen, ließ er den Chef der Komintern wissen, das sei seine Strategie. Dies setzt Weeks mit den Details der russischen Rüstungspolitik in Beziehung und mit der ausschließlich offensiv ausgerichteten Militärdoktrin. Schließlich geht er auf Stalins Rede vor den Absolventen der Militärakademie ein, wo dieser am 5. Mai 1941 den Offensivkrieg gegen Deutschland unverblümt ankündigte. Wenige Tage später lag der Angriffsplan Marschall Schukows vor, der die Rote Armee in dreißig Tagen bis ins schlesische Oppeln führen sollte.

Abschließend geht Weeks der Reaktion Stalins nach dem deutschen Angriff auf den Grund, die, wie man mittlerweile weiß, keineswegs in Panik oder besonderer Erschütterung bestanden hat. Stalin arbeitete sein Pensum in der ersten Woche nach dem 22. Juni 1941 wie gewohnt ab. Erst als sichtbar wurde, daß der Wehrmacht der Sieg in den Grenzschlachten nicht mehr zu nehmen war, zeigte er sich beeindruckt.

Die besondere Stärke der Studie besteht in der Einbeziehung der Ergebnisse jener "jungen Historiker" in Rußland wie Michail Meltjukov und Vladimir Aleksandrowich Nevezhin, die in den letzten Jahren neues zur sowjetischen Angriffsvorbereitung herausgefunden haben, deren Arbeiten aber im Westen bisher wenig beachtet wurden und nicht einmal in englischer Übersetzung vorliegen, geschweige denn in deutscher. Dies gilt auch für A.S. Yakovlevs Edition russischer Dokumente des Jahres 1941.

Trotzdem er den sowjetischen Selbstdarstellungen einer Friedensorientierten Außenpolitik eine klare Absage erteilt, sieht Weeks als Fazit eindeutig keine präventiven Motive in dem deutschen Angriff von Juni 1941. Ihm zufolge standen die russischen Truppen zwar zum Überfall auf Deutschland bereit, doch das sei nicht das Motiv der deutschen Offensive gewesen. Demnach ergibt sich für ihn eine merkwürdige Verschränkung der Politik beider Diktatoren, die parallel einen Angriff geplant hätten, ohne vom jeweils anderen wirklich etwas zu wissen. Ein interessantes Stück Perestrojka innerhalb der Zeitgeschichte.